29.04.2008Ex Oriente Lux – ein ErfahrungsvorsprungVon Detlef Kannapin und Martin Schirdewan, Neues Deutschland 26./ 27.4.2008 Das Parteiensystem der Bundesrepublik ist in Bewegung geraten. Zur Dynamik des gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik In diesem neuen Spannungsfeld ist die LINKE dabei, sich als dauerhafter Faktor und als gesamtdeutsches Phänomen zu etablieren. Mit offenem Ausgang zwar, aber doch erkennbar und wirksam. In ihrem ganz eigenen Spannungsfeld: Im Osten ist sie längst schon Volkspartei, im Westen kämpft sie um den Einzug in die Landesparlamente. Zwei Vorteile begleiten sie dabei: die jüngste Vereinigung von Ost und West durch die Vereinigung von Linkspartei/PDS und WASG und – noch wesentlicher – die realen sozioökonomischen Entwicklungen in der Bundesrepublik.
Wer vertritt den Osten? Es handelt sich jedoch nur um eine scheinbare Angleichung von Ost und West. Denn das Parteiensystem in den neuen und den alten Bundesländern bleibt weiterhin gespalten. Während im Westen ein Fünf-Parteiensystem Fuß fasst, entsteht im Osten angesichts der nach wie vor verheerenden sozialen Entwicklung und des Versuchs- bzw. Laborcharakters der neuen Bundesländer in arbeits- und sozialpolitischer Hinsicht ein Vier-Parteien-System: Neben die drei Volksparteien CDU, SPD und LINKE tritt eine labile Rechte, die zwar noch parlamentarisch schwach scheint, jedoch bereits über eine manifeste kulturelle Verankerung verfügt. Diese kulturelle Verankerung ist eine der wesentlichen Gefährdungen der politischen Kultur, weil sie Nichtwähler bindet, die von den demokratischen Parteien nicht mehr erreicht werden. Allerdings muss betont werden, dass die Entstehung eines »Sockelrechtsextremismus« im Osten – neben weiteren Faktoren – nur durch den Ideologietransfer von rechten Partei- und Kadergrößen aus dem Westen möglich wurde, der an das Phänomen des Rechtsextremismus in der späten DDR als Jugendkultur anschließen konnte. Besonders in den vollends deindustrialisierten Randzonen an den Grenzen zu Polen und Tschechien ist der Verlust des Vertrauens in die demokratischen Institutionen besonders spürbar und an der sinkenden Wahlbeteiligung sowie den Wahlerfolgen der NPD ablesbar. Während der schwarze bis grüne Politik- und Kulturtransfer von West nach Ost nur teilweise vollzogen werden konnte und bedingt erfolgreich war, scheint sich momentan eine befristete Gelegenheit für einen umgekehrten, aber umso erfolgreicheren Transfer zu bieten: Nämlich den Transfer sozialer Gerechtigkeit angesichts der Revitalisierung des klassischen Konfliktes von Kapital und Arbeit bzw. dem strukturellen Anhängsel Arbeitslosigkeit in parteipolitischer Manifestation durch die LINKE. Nach einer Allensbach-Umfrage begrüßten kurz nach der Wiedervereinigung 57 Prozent der Westdeutschen und 77 Prozent der Ostdeutschen das deutsche Wirtschaftssystem. Heute sind es nur noch 29 Prozent im Westen und 10 Prozent im Osten. Daraus lässt sich schließen, dass die sich in den neuen Bundesländern zeigenden Krisenphänomene nicht lediglich Resultate des Transformationsprozesses sind, sondern Ausdruck der Entwicklung des Kapitalismus der Gegenwart. Neben dem auch statistisch belegten gewachsenen Misstrauen gegenüber ökonomischem Effizienzdenken um jeden Preis ergeben sich durch die sozialen Verhältnisse weitere Probleme einer genuin ostdeutschen Erfahrungsstruktur. Hierbei scheint sich das nachhaltige Misstrauen gegenüber Grundwerten wie Freiheit und Demokratie (was dem Osten schon immer unterstellt wurde), die durch soziale Unsicherheit bis hin zum freien Fall in die ärmsten Schichten der Gesellschaft erkauft worden sind, zu einem gesamtgesellschaftlichen Problemfeld zu entwickeln. Die aus der DDR bekannten Missstände hinsichtlich bürokratischer Gängelung und politischer Ohnmacht reproduzieren sich heute – trotz des Systemwechsels – in neuer Qualität, begleitet von dem erst seit 1990 im Osten auftretenden Prozess der fehlenden Partizipation am gesellschaftlichen Leben überhaupt. Der sozioökonomische Niedergang ganzer Regionen, verbunden mit dem Rückzug des Staates, der Länder und der Kommunen aus ihrer Verantwortung für die Unterstützung der Zivilgesellschaft sind auch hier vorlaufende Indikatoren für den individuellen Rückzug von der realen Demokratie. Nimmt man die defizitären Ergebnisse des Transformationsprozesses hinzu, besitzt der Osten damit in mehrerer Hinsicht einen Erfahrungsvorsprung, der, mit der westdeutschen politischen Kultur konfrontiert, produktiv für die Veränderung der gesellschaftlichen Situation im Lande eingesetzt werden könnte. Dem in dieser Beziehung oft zu hörenden Vorwurf, das ganze Land werde durch Ostdeutschland politisch zurückgeworfen, kann entgegengewirkt werden – dann, wenn plausibel gemacht wird, dass der Osten ein Avantgardepotenzial in sich trägt, das auf der Suche nach alternativen Politik- und Lebensformen tatsächlich das Gesicht der Bundesrepublik nachhaltig verändern kann.
Störenfried LINKE
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