18.05.2008
nicht wie das veilchen im moose... Von Frigga Haug, Prager Frühling 1/ 2008
"Ist es nicht ein Widerspruch als Feministin
in diese Männerpartei einzutreten? "Um dies zu ändern“, antwortete
ich der fragenden Journalistin in Aufbruchsstimmung." Sieben Thesen für ein feministisches Profil der LINKEN - von Frigga Haug
Auf dem Gründungsparteitag der Partei DIE LINKE fragte mich eine
Journalistin, ob es nicht ein Widerspruch sei, dass ich als Feministin
in diese Männerpartei eingetreten sei? „Um dies zu ändern“, antwortete
ich in Aufbruchsstimmung. Dafür einige Vorschläge:
Bertolt
Brecht schrieb als Vorschlag für eine kommunistische Partei an der
Regierung, was die freie Diskussion blockiere oder hindere, sei, dass
die Leitung als Exekutive die Massen über ihre Interessen aufkläre,
weil nämlich die Interessen der Massen divergieren, zum Beispiel haben
Arbeitslose andere als Arbeitsplatzbesitzer. Damit solche Gegensätze
die Organisation nicht spalten, „ist Operieren können mit Antinomien
nötig“. *¹
Nehmen wir den Ball auf und empfehlen: Widersprüche
aufzusuchen gehört zum politischen Einmaleins. Im besonderen Fall von
Frauenpolitik zum Beispiel den, dass es in dieser Partei eine offen
ausgesprochene und sicher von dem meisten auch geteilte
Bereitwilligkeit gibt, sich für Gleichstellung einzusetzen. Solches
wird bis ins Programm hinein geäußert, ohne dass sich praktisch genug
ändert, und vor allem ohne dass Frauen das so erfahren. Dem Sturm und
Drang, alles besser und anders zu machen auch in Sachen Frauen, folgte
eine allgemeine diffuse Lähmung und auch Langeweile, wenn es konkret
werden soll. Es ist ja doch so, dass Frauenthemen weniger wichtig sind
als die anderen großen Fragen. Dies nicht zu sehen wäre Heuchelei.
Quote als Weg
Nehmen wir als einen Widerspruch die
Quote. Man ist dafür, sie ist verankert. Konkret geht es so zu: Frauen
wollten die Hälfte des Himmels, das sei ihnen zugestanden, nicht aber
auf Erden, nicht in „meinem Bereich“. Drei Männer an der Spitze einer
Partei, die sich feministisch nennt, hier braucht es Wunderglauben. Und
mancherorts nur 20% Frauen unter den Mitgliedern, wie können diese 50%
ausmachen, ohne dass Männer unerhört benachteiligt werden? Die Quote
ist begründet unter Beschuss. An den Gründen lässt sich studieren, wo
die Probleme sind — etwa in der Schwierigkeit des Frauenvolks, diese
Partei als eine zu erkennen, in der feministisch zu streiten wäre für
ein allgemeines Wohl. Denn darum geht es, nicht um die Gleichverteilung
von allem Übel an alle Gesellschaftsmitglieder geschlechtlich gerecht.
Die Quote ist Weg dafür, nicht Ziel. Und Gleichstellung ist nicht genug.
Frauenfrage Synonym für Minderbedeutung
Blicken wir der
Wahrheit ins Gesicht und prüfen, ob wir nicht auch alle die
Frauenfragen marginal finden im Verhältnis zur Größe richtiger Politik:
Rentenbenachteiligung! Was für eine Frage verglichen mit der, ob mehr
Soldaten nach Afghanistan geschickt werden sollen? Immer noch geringere
Löhne unverändert seit mehr als 100 Jahren — wobei Deutschland
europaweit den schwarzen Peter hält! Aber was ist das verglichen zur
Frage von Arbeitslosigkeit im Ganzen — oder zur Werksschließung von
Nokia oder zu Massenentlassungen bei BMW? Frauen bilden den Sockel der
Armut! Blasse Klage, vergleichen wir das mit einem Reaktorunfall oder
der Bildungskrise insgesamt. Frauen werden auch älter als Männer, also
kann es so schlecht nicht um sie bestellt sein. Zudem vermehrt das den
Berg der armen Rentnerinnen — auch kein Grund zum Triumph. Frauen
stellen den Großteil der Teilzeitarbeitenden. Und wenn schon? Jede
einzelne dieser Nachrichten zieht uns in triste Gegenden — kein Feuer
der Leidenschaft kann so im Politischen entfacht werden. Vielleicht
sollten wir doch eher der Verlockung nachgeben und Frauenpolitik und
Frauen überhaupt vergessen, sie in gender umtaufen und Politik gendern
— und auch sonst gender mainstreaming modisch zu unserer Sache machen?
Sprachlich ist das zwar wie ein Magengeschwür, aber wir können uns
beruhigt zurücklehnen — alles ist getan — nämlich nichts.
Die kapitalistische Produktionsweise und die Frauenpolitik
Die
eben begonnene Entgegensetzung von Frauenfragen und Fragen richtiger
Politik geht davon aus, dass wir tatsächlich die Wahl hätten, entweder
gegen den Soldateneinsatz in Afghanistan zu streiten oder für die
Familie, für die wir dann eine eigene Beauftragte oder Sprecherin
haben. Der eigentliche Skandal liegt aber darin, dass etwas zur
Frauenfrage mutiert — also zu etwas, das nur Frauen angeht, was dann
den Namen Frauenpolitik bekommt, die für Frauen gemacht wird. Das
betrifft Kinder z.B. und Familienfragen, alles, was im Haus, in der
Küche geschieht, statt zu sehen, dass über das Fleisch in der Suppe
nicht in der Küche entschieden wird — über das Aufziehen der Kinder
nicht in der Familie - sondern dass die Ernährung, die Gesundheit, die
Schule, die Luftverschmutzung, der Straßenbau, die Stadtplanung, die
Kriege... sie alle bestimmen, wie Kinder aufwachsen in unserer
Gesellschaft. Dass dies nicht ohnehin klar ist, sondern als Frauensache
erscheinen kann, ist Resultat kapitalistischer Produktionsweise, in der
marginal und verächtlich wird, was mit dem Leben und seiner
Reproduktion unmittelbar zusammenhängt, solange kein Profit daraus zu
schlagen ist. Diese Verachtung aber bestimmt nicht nur den Umgang mit
„Frauenfragen“ in der Gesellschaft, sondern auch die Entscheidungen,
Soldaten in den Krieg zu schicken.
Politik von unten
Es geht also nicht darum, Frauen zu
überzeugen, in die Politik oder gar in die Partei einzutreten, weil
diese für sie die richtige Politik macht. Sie müssen sich selbst
überzeugen, dass sie in diesem Rahmen politisch tätig sein können.
Politik muss von Frauen gemacht werden, nicht für sie. Nennen wir dies
also, um weitere Missverständnisse zu vermeiden, vielleicht nicht mehr
Frauenpolitik, sondern feministische Politik. Diese ist Politik von
unten, die vom Standpunkt der Frauen für alle gemacht wird,
perspektivisch aller Standpunkt sein wird.
Rosa Luxemburg hat
ebenfalls zurückgewiesen, dass die Partei den Massen vorschreibt,
welche Politik zu machen sei. Aufgabe der Partei sei es vielmehr,
„Zielbewusstsein und Zusammenhang in die verschiedenen örtlichen und
zeitlichen Fragmente des Klassenkampfes zu bringen“ *². Ihr folgend
sammeln wir für unsere Politik die vielen Punkte über die
Benachteiligung von Frauen, die einen allgemeinen Jammerchor bilden und
bündeln sie in eine Erzählung, die das Auftreten und die Hartnäckigkeit
von Frauenunterdrückung erklären kann und die uns in die Lage versetzt,
positiv, mit Zorn, Leidenschaft und Fantasie nach vorn unsere Einwürfe
zu machen. Diese werden dann als solche von links erkennbar, statt bloß
immer und erwartungsgemäß mehr zu verlangen als andere, aber sonst eben
das Gleiche.
Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung
Linke Politik
muss revolutionär und real zugleich sein. Sie muss im Realen ihre Füße
haben, erkennbar sein, als im wirklichen Leben der Menschen ansetzend
und doch perspektivisch über es hinausweisen in eine Zukunft, die
gewollt werden kann. Diese Erzählung lautet verknappt:
Geschlechterverhältnisse sind als Produktionsverhältnisse zu begreifen.
Die schlechtere Behandlung von Frauen ist kein Resultat persönlicher
Mann-Frau-Beziehungen und nicht durch Charakterschulung behebbar,
sondern kommt aus einer Struktur und gesellschaftlichen Arbeitsteilung,
in der die beiden Produktionen, die des Lebens und die der
Lebensmittel, im umfassenden Sinn so zueinander gestellt sind, dass die
Produktion der Lebensmittel in der Form der Lohnarbeit profitlich
organisiert und zentral ist und sich den Bereich der Lebensproduktion
nicht einfach unterworfen hat — das geschieht erst seit kurzem mit der
Entwicklung der Gentechnologie — sondern ihn als unwesentlich, als
nebenher zu erledigen, ausgesondert hat. So konnteer an Frauen vergeben
werden, weil sie sich, aus viel älterer patriarchaler Unterdrückung
kommend, dafür quasi natürlich eigneten. Man kann historisch und
aktuell verfolgen, wie diese Logik bestimmt, wie Männer und Frauen zu
sein haben, ihr Verlangen, ihre Ziele, ihr Bewusstsein und Verhalten.
Man kann studieren, wie dies ideologisch paradox abgesichert ist —
damit meine ich z.B., dass alles, was aus Liebe umsonst getan wird,
gesellschaftlich mehr gilt als das schnöde Tun um Geld und zugleich
nichts gilt, weil es nichts einbringt. Insofern fallen hier
Selbstveränderung und Gesellschaftsveränderung in eins (wie von Marx in
den Feuerbachthesen proklamiert). Denn man wird davon ausgehen können,
dass dies alles im wesentlichen so bleibt, solange die Gesellschaft die
Frage der menschlichen Reproduktion, also des neuen Lebens und der
Erhaltung von Leben und Natur, nicht zu ihrer Hauptsache gemacht hat,
sondern als zufälliges Abfallprodukt behandelt oder flickenweise in den
Prozess der Profitproduktion einbezieht, je nach Konjunktur.
Die Vier-in-einem-Perspektive
Das ist keine Frage der einfachen
Arbeitsteilung und durch paritätische Umverteilung (Gleichstellung) an
die Geschlechter zu beheben. Sondern diese Teilung selbst ist das
Problem. Als Schlüssel und politischen Kompass habe ich ausgearbeitet,
was ich die Vier-in-einem-Perspektive nenne. Sie ist zugleich
sozialistische Perspektive, wie sie Realpolitik anleitet. Es ist der
Vorschlag, das Leben so zu fassen, dass die vier Hauptdimensionen des
Menschseins: gesellschaftliche Arbeit, heute in der Form der
Erwerbsarbeit, die Arbeit in der Reproduktion der Menschen
(Zivilgesellschaft), die Tätigkeit an eigner Kultur und Entwicklung und
schließlich die Politik in etwa zu gleichen Teilen das individuelle
Leben bestimmen. Das verlangt eine Verlängerung des tätigen Lebens auf
etwa 16 Stunden am Tag und damit zugleich eine rigorose Verkürzung des
Erwerbstages auf etwa vier Stunden, um den anderen Dimensionen, die zum
lebendigen Menschen gehören, Raum zu erstreiten. Perspektivisch kann so
keiner arbeitslos sein. Haus- und umfassende Reproduktionsarbeit
gehören zu jedem Leben, ebenso wie die politische Einmischung und die
Entfaltung möglicher Fähigkeiten und lebenslanges Lernen lustvolle
Verwirklichung des Menschseins sind. Dies ermöglicht zugleich die
Bereiche nicht gegeneinander auszuspielen, keinen für sich zu lösen,
sondern solche Ein-Bereichs-Politik selbst als reaktionär und dumm zu
begreifen. Da es Perspektive ist, die politisches Handeln bestimmt, ist
es nicht von heute auf morgen durchsetzbar. Aber gesichert ist, dass
die Bereiche als ineinander verschränkt, also nur zusammen behandelt
werden können, was davor bewahren kann, einfach in die Falle von
Einpunkt oder Einbereichslösungen zu tappen. Die Kunst der Politik
besteht in der Verknüpfung.
In dieser Vier-in-einem-Perspektive
tauchen die Frauen anders auf — diesmal an Schlüsselstellen. Die
Perspektive kann derzeit vom Frauenstandpunkt gesprochen werden, weil
es die Frauen sind, die den Reproduktionsbereich, also den Standpunkt
des Lebens so wichtig nehmen, dass sie ihn nicht vergessen können bei
der Planung des Lebens. Sie sind es zugleich, die den
Erwerbsarbeitsbereich nicht so wichtig nehmen, dass sie ihn allein für
das Zentrum halten können: Es ist dringlich, dass sie mit der
Selbstaufopferung aufhören und ihre eigene Entfaltung in eigne Hände
nehmen: Sie müssen sich in die Politik einmischen, weil sie für die
Gestaltung ihres und anderer Leben den „Staat von oben nach unten
umkehren“ müssen - wie Brecht dies sprach.
So kommen wir zur Losung, dass linke Politik feministisch sein muss, um wahrhaft radikal zu sein.
*1 21, 579
*2 GW 4, 124
Frigga Haug war bis 2001 Professorin für Soziologie an der Hamburger
Universität für Wirtschaft und Politik. Auf dem Gründungsparteitag im
vergangen Jahr erklärte sie ihren Eintritt in die Partei DIE LINKE.
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