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26.09.2008

Neoliberaler Feminismus und konservative Weiblichkeit

Über die neuen Erbinnen der Frauenbewegung

von Jörg Nowak, ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 531 / 19.9.2008

Der Begriff des Feminismus war in Deutschland in den letzten 15 Jahren zunehmend zum Schimpfwort geworden. Im Zuge der Debatten um eine neue Familienpolitik hat sich diese diskursive Großwetterlage verändert




In der Print-Ausgabe der analyse & kritik ist eine gekürzte und leicht überarbeitete Fassung dieses Artikel erschienen.

Der Ruf nach einem "neuen" Feminismus erschallt aus der gesellschaftlichen Mitte. Damit verändert sich auch seine Bedeutung: Mit der zweiten Frauenbewegung war seit den 1970er Jahren eine Verknüpfung des westdeutschen Feminismus mit der politischen Linken hegemonial geworden. Zurzeit reetabliert sich ein liberaler Feminismus, der sich als "neuer" gegen dieses Verständnis von Feminismus abgrenzt. Eine linke Hegemonie innerhalb des deutschen Feminismus rückt in weite Ferne.

Die von Renate Schmidt angestoßene und von Ursula von der Leyen fortgeführte Wende in der deutschen Familienpolitik wird weithin als Bruch mit den bisherigen Geschlechterleitbildern wahrgenommen. Die Kämpfe um neue Geschlechterleitbilder und Ernährermodelle beschränken sich nicht auf Diskussionen um die konkret verabschiedeten und geplanten Maßnahmen, sondern finden ebenso im Bereich der populären politischen Literatur statt. Dort wird vor allem um die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie damit einhergehende Modelle gesellschaftlicher Arbeitsteilung gestritten.

Die diskursiven und institutionellen Brüche in der deutschen Familienpolitik haben ein gewaltiges Echo in der öffentlichen Diskussion. Fast wöchentlich erscheinen Publikationen, die jeweils einen neuen Vorschlag für die Neuverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern präsentieren. Dabei haben sich zwei Hauptgruppen herausgebildet: (1) Die erste Gruppierung thematisiert als Antwort auf die neue Familienpolitik die Doppelbelastung von Frauen aus konservativer Perspektive. Gründungsmanifest ist der Bestseller der ehemaligen Fernsehmoderatorin Eva Herman, Das Eva-Prinzip. (2) Die Protagonistinnen der neuen F-Klasse (nach dem gleichnamigen Buch von Thea Dorn) unterstützen im Wesentlichen die Familienpolitik von von der Leyen und sehen mit der Kanzlerschaft von Angela Merkel ein Signal für einen neuen Feminismus, der sich gegen Tendenzen zu einem geschlechterpolitischen Rollback zur Wehr setzen muss. Sie reagieren zugleich auf die von der Gruppierung um Eva Herman vorgebrachten Positionen. Im Folgenden sollen die Positionen dieser beiden Gruppierungen kurz vorgestellt und die damit einhergehende Positionsverteilung beschrieben werden.

Eva Herman sieht die Feministinnen als kinderlose und tendenziell homosexuelle Verführerinnen der Mehrheit der Frauen, die sie ins Unglück und zum Verlust ihrer Weiblichkeit führen. Dies geschehe durch eine Angleichung an die Männer und die Teilnahme am Erwerbsleben. Dieselbe Entwicklung sei verantwortlich dafür, dass immer weniger Frauen Kinder bekommen. Herman kritisiert den Zwang zur Erwerbsarbeit (für Frauen); die "natürliche" Weiblichkeit werde dem Streben nach Gewinn geopfert. Als Ausweg aus der Doppelbelastung propagiert sie eine Rückkehr zu den traditionellen Geschlechterrollen, die sie religiös - "wir wurden vom Schöpfer mit unterschiedlichen Aufträgen in diese Welt geschickt" (2005, 46) - und biologistisch begründet: "Die Weigerung, ein Leben als Hausmann zu führen, ist nicht etwa ein Zeichen für mangelnde Vaterliebe, sondern sie entspricht einfach dem natürlichen Rollenverhalten." (82)

Eva-Prinzip versus neue F-Klasse

Hermans "Gegenentwurf zur Ich-Gesellschaft" (55) kombiniert eine romantische Kritik des Kapitalismus mit einem Differenzdenken, in dem Frauen für Familie und menschliche Werte zuständig sind. Werden Frauen in den Beruf integriert und dadurch "vermännlicht", so müssten notwendigerweise auch die menschlichen Werte verschwinden. Durch die Gleichsetzung von Ökonomie und Konkurrenzdenken erübrigt sich dann auch die Frage, wie ökonomische Verhältnisse demokratisiert und "vermenschlicht" werden könnten.

Herman teilt mit Christa Müller den Befund, dass das Ansehen der Hausfrauentätigkeit systematisch entwertet wurde und wieder aufgewertet werden müsse. Müller ist familienpolitische Sprecherin der Linkspartei im Saarland, kooperiert aber ebenso wie Herman mit dem rechtskonservativen Familiennetzwerk. Konsequenterweise ist ihr Buch "Dein Kind will dich" (2007) im St. Ulrich Verlag des Augsburger Bischofs Walter Mixa erschienen. Ihrem Anspruch nach vertritt Müller aber linke Positionen.

Sie wendet sich gegen die öffentliche Betreuung von unter dreijährigen Kindern. Zum anderen wendet sie jedoch ein, dass die höhere Erwerbsquote von Frauen für die Senkung der durchschnittlich gezahlten Löhne instrumentalisiert wird und dass die bestehende Arbeitsteilung bei nicht entlohnter Arbeit Frauen ausbeutet. Müller begrüßt die von der Frauenbewegung in den 1980er Jahren geforderte Einführung des Sechs-Stunden-Tags, die eine gleiche Beteiligung von Männern und Frauen an allen Arbeiten ermöglichen kann. Da der Sechs-Stunden-Tag jedoch nicht durchgesetzt werden konnte, sind die Frauen in den Gebärstreik getreten: "Der Gebärstreik in Deutschland ist ein Anzeichen dafür, dass Frauen immer weniger bereit sind, unentgeltlich Fürsorge- und Erziehungsarbeit zu leisten." (140)

Müller steht anders als Herman dem Feminismus nicht feindlich gegenüber, sieht es aber als "Fehler der Frauenbewegung, die Befreiung der Frau vor allem durch die Gleichstellung im Erwerbsleben herstellen zu wollen." (136) Sie plädiert einerseits für die Gleichstellung der Frauen innerhalb der Erwerbsarbeit, aber zugleich für eine Gleichstellung von Erwerbsarbeit und "Arbeit der Frauen in den Privathaushalten" (ebd.). Daraus resultiert ihre Forderung danach, Hausarbeit durch ein "Erziehungsgehalt" (178) wie Erwerbsarbeit zu entlohnen und sozial abzusichern. Müllers Anliegen ist es, das "Wohl der Kinder" und "die Familie" angesichts von längeren Arbeitszeiten und unsicheren Arbeitsverhältnissen zu retten.

Die durch von der Leyen vertretene Strategie wird Müllers Meinung nach nicht aufgehen, da sie die Doppelbelastung verstärkt. "Dass Frauen in einem Vollzeitberuf ihr eigenes Geld aus Gründen der Existenzsicherung verdienen müssen oder aus Gründen der Unabhängigkeit verdienen wollen und darüber hinaus als Mutter ganz überwiegend die unbezahlte Haus- und Erziehungsarbeit leisten und erstens zuwenig Zeit für ihre Kinder haben und zweitens kaum noch über Freizeit und Erholungszeit verfügen: für diesen Lebensentwurf kann man sich doch nicht allen Ernstes einsetzen." (125) Ihrer Ansicht nach werden sich die Frauen dagegen wehren: "Der Gebärstreik wird sich fortsetzen." (180)

Die in vielen Aspekten divergenten Ansätze von Herman und Müller teilen das Anliegen, die bestehende oder drohende Doppelbelastung von Frauen durch mehr Zeit für Kindererziehung im häuslichen Rahmen abwenden zu wollen. Mit einem konservativen Fokus auf Familie als Selbstzweck wird die Verknüpfung der etablierten Gleichstellungspolitik mit Klassenherrschaft thematisiert, die sich darin auswirkt, dass Freizeit immer knapper wird und die kommerzielle und die nicht entlohnte Pflegearbeit für Kinder und SeniorInnen unter immer prekäreren Bedingungen verrichtet wird. Mit dieser Positionierung stellen sich Herman und Müller tendenziell gegen den überfälligen Ausbau der Kinderbetreuung und eine gerechtere Aufteilung der Geschlechterrollen, da sie die im Familienernährermodell vorgesehene größere Absicherung, was Wohlstand und Freizeit angeht, der Flexibilisierung der mit diesem Kompromiss verbundenen Geschlechterhierarchie vorziehen.

Als Verteidigerinnen der neuen Familienpolitik treten die Krimiautorin Thea Dorn und die Unternehmensberaterin und FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin auf. Beide richten sich gegen die geschlechtsspezifischen Hierarchien in allen Bereichen der Gesellschaft, vor allem in der Erwerbsarbeit. Sie haben als erfolgreiche Frauen die berühmte "gläserne Decke" selber kennen gelernt und plädieren für einen Aufbruch starker Frauen.

Dorn betont, dass der Geschlechterkampf keineswegs vorbei ist und dass nach den Kämpfen um rechtliche Gleichstellung eine neue Form des Feminismus geschaffen werden muss. "Ein neuer Begriff muss gefunden werden für Frauen, die neue Wege zwischen Feminismus und Karriere gehen [...] Warum nicht zugeben, dass es in diesem Buch nicht um Frauensolidarität um jeden Preis geht, sondern um eine bestimmte Klasse von Frauen, die sich allerdings nicht durch ihre privilegierte Herkunft definiert, sondern einzig und allein durch das individuell von ihr Erreichte und Gelebte?" (37)

Dorn richtet sich gegen die "öffentlichen Gebäraufrufe" (311) wie gegen die Vorstellung, dass sich Kindererziehung und Berufskarriere nicht vereinbaren lassen. Der Kampf um Emanzipation wird bei ihr individuell geführt und stellt keine Forderungen an Politik und Gesellschaft. Es geht um die Emanzipation und Gleichstellung der Frauen und Männer, die sie sich "leisten" können - im durchaus doppelten Sinn des Wortes. Die strukturellen Zwänge sollen durch eine kollektive Willensanstrengung durchbrochen werden, da es nach Dorn dumme und böswillige Personen beiderlei Geschlechts sind, die diese Zwänge aufrechterhalten - und nicht Strukturen, die politisch verändert werden können.

Betreutes Wohnen für männliche Erwachsene

Silvana Koch-Mehrin, Unternehmensberaterin und FDP-Abgeordnete im Europaparlament, plädiert für einen neuen "Feminismus mit den Männern" (16), der sich gegen die "Retro-Sehnsucht" und die "Rückbesinnung auf die guten alten Zeiten" wendet, "als Muttern noch fürs traute Heim und Vater für das nötige Kleingeld sorgte." (12) Sie arbeitet heraus, wie rückständig die Geschlechterbilder in Deutschland im europäischen Vergleich sind und lastet dies den "politischen Strukturen" und der "deutschen Muttertümelei" (19) an. Die Unterstützung des männlichen Ernährermodells durch das Ehegattensplitting findet sie grotesk und die Hausfrauenehe ist für sie "eine gediegene Form des betreuten Wohnens für männliche Erwachsene" (23). Für genauso absurd hält sie den Vorschlag, Hausarbeit staatlich zu entlohnen, da die Arbeitsteilung im Haushalt von jedem Paar eigenständig verabredet werden könne. Koch-Mehrin führt die verschiedenen Hindernisse für eine gleichberechtigte Partizipation von Frauen an: den segregierten Arbeitsmarkt, die geschlechtsspezifische Berufswahl, die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern sowie die Rituale und Verhaltensweisen von Männerbünden. Um dagegen anzugehen, erklärt sie die Volkswirtschaft zur Verbündeten im feministischen Kampf: "Denn die Ökonomie ist eine Schwester! [...] Es ist nicht nur für die Beziehung, sondern in der Tat für die ganze Volkswirtschaft besser, wenn qualifiziertere Frauen Karriere machen und weniger qualifizierte Männer zu Hause anpacken." (161) Koch-Mehrin fordert dementsprechend "eine weibliche Kaderschmiede" (193), mehr Frauennetzwerke und Frauenquoten in der Politik.

Geschlechterpolitisch gehen ihre Forderungen weit über die konkreten Projekte des Familienministeriums hinaus. Dennoch fällt auf, dass die bessere Integration von Frauen in Erwerbsarbeit im Zentrum steht. Die Arbeitsteilung im Haushalt bleibt weitgehend ein "privates" Thema, das der politischen Regulierung entzogen bleibt und die Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt werden nicht im Zusammenhang mit dem dominanten Arbeitszeitmodell gesehen.

Die hier vorgestellten vier Autorinnen ordne ich im Folgenden zwei Richtungen zu: Herman und Müller bilden das Lager der konservativen RomantikerInnen und Dorn und Koch-Mehrin ordne ich dem liberalen Feminismus zu, den auch von der Leyen vertritt. Die konservativen RomantikerInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Doppelbelastung von Frauen und die Ausdehnung der in Familien geleisteten Erwerbsarbeit im Namen einer von diesen Zwängen relativ abgeschotteten Familienwelt kritisch betrachten. Der liberale Feminismus wendet sich gegen geschlechterhierarchische Strukturen und den nostalgischen Blick zurück auf die Hausfrauenehe. Die Emanzipation soll in neuer Form weitergeführt werden, beschränkt sich jedoch wie die herrschende Familienpolitik auf Maßnahmen, in deren vollen Genuss nur die relativ Privilegierten kommen würden.

Mit der Herausbildung dieser zwei (die Diskussion um Familienpolitik dominierenden) Richtungen ergibt sich die Situation, dass Gleichstellung mit Neoliberalismus und Elitenorientierung, tradierte Geschlechterhierarchien dagegen mit einem Widerstand gegen die zunehmenden Marktzwänge artikuliert sind. Bezeichnenderweise ist es dem "alten", linken und herrschaftskritischen Feminismus nicht gelungen, innerhalb dieser Debatte massenwirksam Position zu beziehen. (1) Dessen Bastionen wurden in zweifacher Weise geschleift: Die liberalen Feministinnen haben erfolgreich die Position des Feminismus und die damit verbundene Forderung nach Gleichstellung besetzt, die konservativen RomantikerInnen die Klage über die Doppelbelastung von Frauen und die zunehmenden Marktzwänge. Damit ist die Kritik der Herrschaftsstrukturen, die in den gesellschaftlichen Arbeitsteilungen zur Geltung kommen, auf zwei Positionen innerhalb des etablierten Herrschaftsgefüges aufgespalten. Ein linker Feminismus steht vor der doppelten Aufgabe einer Verteidigung der begrenzten Fortschritte, die mit der neuen Familienpolitik verbunden sind, gegen die konservativen RomantikerInnen sowie einer offensiven Kritik des klassenselektiven Charakters des liberalen Feminismus und der neuen Familienpolitik.

Die neue Familienpolitik ist in die klassenpolititische Strategie der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik und den damit verbundenen Abschied vom bundesdeutschen Korporatismus eingebettet. Die mit dieser Mischung aus Zwängen und Anreizen verbundene ökonomische Strategie hat die politische Funktion, Konsensbasen in der Bevölkerung auszubauen. Über die gezielte materielle Förderung bestimmter Gruppen hinaus hat die neue Familienpolitik die Wirkung, dass Anliegen von erwerbstätigen Frauen und ein modernisiertes Geschlechterbild symbolisch durch die Regierungspolitik vertreten werden. Familienministerin von der Leyen spricht dementsprechend im Namen aller Frauen und ihrem Anspruch auf eigenständige Erwerbstätigkeit und verbindet diese Anrufung mit dem Idealbild des heterosexuellen Paares, das Kinder aufzieht (von der Leyen/von Welser 2007). Die hegemoniale Familienpolitik tritt symbolisch als Schutzmacht aller Frauen auf, verwirklicht aber faktisch einen "Feminismus der Besserverdienenden".

Getrennte Kritiken zusammenführen

An der aktuellen Artikulation von Gleichstellungspolitik und Klassenherrschaft wird deutlich, dass jedes politische Projekt, auch das des Feminismus und der Gleichstellungspolitik, umkämpft ist: Es wird sowohl von den Herrschenden wie von den Subalternen reklamiert. Und es gibt keine notwendige Verbindung zwischen den neuen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre (Feminismus, Ökologie, Antikolonialismus) und linken, progressiven Bewegungen. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts zeichnet sich ab, dass das in den 1990er Jahren erneuerte, aber bereits in Bezug auf Einfluss und Massenbasis geschwächte Projekt des Feminismus innerhalb weniger Jahre durch neoliberale Kräfte innerhalb und außerhalb der Regierung hegemonial artikuliert wurde. Eine herrschaftskritische, mit dem Feminismus einstmals verbundene linke Position ist damit so weit marginalisiert, dass Gleichstellungspolitik als neoliberales Projekt der Flexibilisierung der Familien- und Erwerbsarbeitsstrukturen identifiziert wird. Diese Tendenz wird dadurch verstärkt, dass die öffentlich wahrnehmbare Kritik der sozialen Selektivität der neuen Familienpolitik durch antifeministische und/oder am Familienernährermodell orientierte Akteure vertreten wird.

Nicos Poulantzas hat in seiner Analyse der neuen sozialen Bewegungen die These vertreten, dass diese Bewegungen universalistische, d.h. hegemoniale Perspektiven entwickeln müssen, wenn sie der Gefahr entgehen wollen, als partikularistische Ein-Punkt-Bewegungen in die neu entstehende Staatsform nach der Krise des Wohlfahrtsstaates integriert zu werden (1979a, 135; 1980a, 61). Knapp 30 Jahre später ist dieser Prozess im Fall der Frauenbewegung abgeschlossen, da - auch aufgrund mangelnder Bündnispartner und einem Niedergang der sozialen Bewegungen in Westeuropa - eine hegemoniale Artikulation mit anderen progressiven Bewegungen nicht möglich und/oder von einer oder von beiden Seiten nicht gewollt war. An die Stelle einer Bündelung verschiedener Anliegen, einer in den 1970er und 1980er Jahren diskutierten "transversalen" Politik ist die Professionalisierung und Filterung der je einzelnen Anliegen sozialer Bewegungen in den NGOs getreten. Die Ausarbeitung alternativer hegemonialer Ansprüche in den oppositionellen Bewegungen kann ein Gegenmittel gegen die korporatistische Tendenz sein, soziale Bewegungen in das System zu integrieren.

In der aktuellen Situation, in der es nur sehr schwache und relativ fragmentierte linke soziale Bewegungen in Deutschland gibt und daher die Rekonstruktion eines gegenhegemonialen Blocks zu den langfristigen politischen Aufgaben gehört, stellt sich für einen linken Feminismus die Aufgabe (sofern er nicht als Teil des neoliberalen Machtblocks wahrgenommen werden will und weitergehende politische Ansprüche hat), sich als politisches Projekt gegen den liberalen Feminismus zu konstituieren, indem die in der aktuellen Konstellation getrennten Kritiken der beiden wichtigsten Modi von gesellschaftlicher Arbeitsteilung neu zusammen geführt werden. Das durch den liberalen Feminismus und die konservativen RomantikerInnen besetzte Terrain kann nur durch eine Kritik zurückerobert werden, die gleichermaßen geschlechtsspezifische und klassenbezogene Hierarchien thematisiert.


Anmerkungen:

1) Im aktuellen Buch der von den herrschenden Gruppen kooptierten Alice Schwarzer ist in etwa soviel Kritik am neoliberalen Charakter der neuen Familienpolitik zu finden wie in dem von Silvana Koch-Mehrin. Schwarzer erwähnt zwar ähnlich wie Müller, dass eine 30-Stunden-Woche die einzige Lösung für Eltern sei (2007, 92), insgesamt bleibt dies jedoch ein Randthema.

 

Literatur

Dietrich, Anette: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktionen von "Rasse" und Geschlecht im deutschen Kolonialismus, Bielefeld 2007

Dorn, Thea: Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird, München-Zürich 2006

Herman, Eva: Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit, unter Mitarbeit von Christine Eichel, München 2006

Koch-Mehrin, Silvana: Schwestern. Streitschrift für einen neuen Feminismus, Düsseldorf 2007

Müller, Christa: Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt, Augsburg 2007

Poulantzas, Nicos: ",Es geht darum, mit der stalinistischen Tradition zu brechen!'", in: Prokla 37, 1979, 9. Jg, H. 4, 127-140

ders.: "Marxismus zwischen Sozialdemokratie und ,realem Sozialismus'", in: J. Bischoff, J. Kreimer (Hg.): Annäherungen an den Sozialismus, Hamburg 1980, 55-74

Schwarzer, Alice: Die Antwort, Köln 2007

Von der Leyen, Ursula/ Von Welser, Maria: Wir müssen unser Land für die Frauen verändern, München 2007




Weiterführende Links:
Analyse und Kritik





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