26.12.2008
Phantasie und neue Maßstäbe Raul Zelik, freitag 52 vom 26.12.2008
Die
aktuelle Krise wird nicht zum Post-Kapitalismus führen, sondern nur zu
anderen Regimen der Akkumulation. Trotzdem ist es sinnvoll, über
Alternativen nachzudenken
Epochenwechsel. In Anbetracht der neoliberalen Krise
erstrahlt das fordistische Zeitalter in neuem Licht: Das Fließband
garantierte stolze Produktivitätszuwächse. Gewinne und Reallöhne
stiegen gleichermaßen. Gute Einkommen garantierten den Absatz der
Massenproduktion, und aus den gefüllten Staatskassen konnten
antizyklische Infrastrukturprogramme finanziert werden.
Wer von der Neuauflage einer vergleichbaren Strategie träumt,
sollte allerdings daran erinnert werden, dass dieses Modell nicht
einfach von gierigen Neoliberalen weggeputscht wurde. Fordismus und
staatliche Interventionspolitik scheiterten in den siebziger Jahren an
immanenten Problemen: Ressourcen wurden knapper, die Endlichkeit der
Natur spürbar. Der Massenkonsum war zunehmend gesättigt, und nicht
zuletzt hatten auch die Arbeiter genug: Sie verweigerten sich stupiden
Tätigkeiten oder verlangten Löhne oberhalb des Produktivitätszuwachses.
Wenn jedoch Löhne schneller wachsen als die Produktivität, reagiert die
Unternehmerseite in der Regel mit Preissteigerungen, um eine
Umverteilung des Reichtums zu verhindern. Auf diese Inflationsdynamik
reagierte die US-Notenbank bereits unter Präsident Carter, also vor dem
Siegeszug der Neoliberalen, mit jener Hochzinspolitik, die der
fordistischen Akkumulation das Wasser abgrub und den Boom des
Finanzsektors einleitete.
Die neoliberalen Vordenker handelten dabei durchaus im
gesamtkapitalistischen Interesse. Sie sorgten dafür, dass sich Kapital
wieder vermehren konnte: durch eine Senkung des Lohnanteils, durch
Transferleistungen hoch verschuldeter Staaten wie Brasilien und Mexiko
(aber auch der realsozialistischen Länder Polen und Jugoslawien) und
die Schaffung neuer Wachstumsbranchen. 30 Jahre lang war der heute als
"gierig" geschasste Finanzsektor - neben den Informationstechnologien
- Motor dieser Entwicklung. Während die neoliberale Politik Grundlagen
bereit stellte: Die Deregulierung der Märkte eröffnete (im
Zusammenspiel mit der Konstituierung eines globalen Raums) den
Finanzakteuren ganz neue Möglichkeiten. Die Kreation immer neuer -
abgeleiteter - Produkte erweiterte das zirkulierende Kapitalvolumen,
was sich wiederum als Wachstum ausdrückte. Dass der Kapitalismus in
diesem Zusammenhang radikal anderen Logiken zu folgen begann, ist
hinlänglich bekannt: Kurzfristige Rentabilitätsentwicklungen und
spekulative Erwartungen wurden zum zentralen unternehmerischen
Kriterium. Die Folge war die profitable Abwicklung von Produktion.
Diese Entwicklung zeigt ein schönes Paradox: Der Übergang zur
finanzgetriebenen Ökonomie war systemrational. Er garantierte hohe
Akkumulationsraten. Gleichzeitig war dieses Modell allerdings in hohem
Maße irrational. Die Erzeugung finanziellen Reichtums ging immer
stärker mit der Vernichtung nicht-finanziellen Wohlstands einher.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, mit welchen
Ba-nalitäten sich auch kritische Stimmen zur Zeit beschäftigen. Slavoj
Zizek beispielsweise diskutierte unlängst in der Zeit, dass Märkte
stets der Regulation bedürfen. Welche Neuigkeit!
Der prinzipiellere Zusammenhang wird dagegen kaum beleuchtet:
Dass sich das Kernprinzip kapitalistischen Wirtschaftens - der
Sachzwang zur Akkumulation - zunehmend als gesamtökonomischer Unsinn
entpuppt. Eine einfache Rückkehr zur Staatsintervention kann dieses
Problem nicht beheben. Das finanzgetriebene Modell setzte sich um 1980
ja gerade deshalb durch, weil der keynesianisch regulierte Fordismus
strukturelle Wachstumsgrenzen erreicht hatte. Gefragt wäre deshalb
system-alternative Phantasie.
Die These, dass es innerhalb des Kapitalismus keine Lösungen
gibt, ist für sich genommen nun zugegebenermaßen auch nicht besonders
originell. Denn: Was bedeutet es, den Kapitalismus "abzuschaffen"? Über
Verstaatlichungsstrategien muss im historischen Rückblick nicht viel
gesagt werden. Sie ermöglichte eine nachholende Entwicklung, führte
jedoch - trotz wichtiger Unterschiede zwischen den Modellen - in der
UdSSR, China und Jugoslawien zu ähnlichen Ergebnissen: Die
Staatsökonomien zeichneten sich durch Mangel, den ineffizienten Umgang
mit Ressourcen, Innovationsblockaden und die Herausbildung neuer
Klassenstrukturen aus. Auch die neueren Erfahrungen aus Venezuela
deuten in eine ähnliche Richtung.
Aber was wäre dann eine nicht-kapitalistische Ökonomie? Im
Kern geht es um etwas Simples: um eine gesellschaftliche Kontrolle
ökonomischer Handlungen. Es ist nicht länger der "Sachzwang" zur
Kapitalvermehrung, der eine Gesellschaft hetzt, sondern umgekehrt
entscheidet eine Gesellschaft, was sie an Gütern und Dienstleistungen
erwünscht und wie sie diese produziert. Sie verständigt sich darüber,
welche Formen von Arbeit akzeptabel sind, was umweltverträglich ist,
wie Reichtum verteilt wird - also über Kriterien, die ansatzweise auch
heute diskutiert werden. Diese Verständigung muss nicht ausschließlich
in Form von Planung erfolgen. Immerhin spricht einiges für das
klassisch-liberale Argument von Ludwig van Mises, wonach Ökonomie - wie
jeder lebendige soziale Prozess - nicht komplett vorausgedacht werden
kann. (Es sei denn, es handelt sich um Kommandobeziehungen.) Doch
Mises´ Argument wäre kein prinzipieller Einwand. Politische
Entscheidungen können schließlich auch im Nachhinein regulierend
wirken.
Warum fällt es uns so schwer, festzuhalten, dass der
Kapitalismus, dessen Beschleunigungstendenzen einen gewaltigen
Entwicklungsschub ausgelöst haben, seine historische Schuldigkeit getan
hat? Die früher in solchen Fällen regelmäßig vorgebrachte These, dass
die Konkurrenz dem menschlichen Charakter innewohnt und es bei
Ausschaltung dieses "natürlichen" Antriebs zu realsozialistischer
Verwahrlosung kommt, mutet heute etwas überholt an. In den
Management-Etagen werden kooperative soft skills höher geschätzt als
das testosterongesteuerte Verhalten von Alpha-Tieren. Aus unserem
eigenen Alltag wissen wir, dass persönliche Bereicherung keineswegs das
zentrale Handlungsmotiv darstellt, sondern es Freischaffenden viel
häufiger darum geht, etwas auszuprobieren. Und bemerkenswert ist
schließlich auch, dass seit 2002 Dutzende von argentinischen
Unternehmen, die von ihren Besitzern in den letzten Jahren geschlossen
werden "mussten", nach einer Besetzung durch die Belegschaft in
Selbstverwaltung wirtschaftlich weiterbetrieben worden sind.
Wenn heute also ausgehandelt wird, was auf den
finanzgetriebenen Kapitalismus folgt, warum setzen wir uns dann nicht
zunächst mit den ideologischen Prämissen auseinander? Rendite,
Wachstum, ja selbst die Schaffung von Arbeitsplätzen besitzen an sich
keinerlei ökonomischen Wert. Das eigentliche Ziel des Haushaltens ist
es, Mittel so einzusetzen, dass eine Gemeinschaft gut leben und
unangenehme Tätigkeiten reduzieren kann. Dafür ist Innovation, aber
kein Wachstum notwendig - dieses kann sogar schädlich oder, wenn
systemische Grenzen erreicht werden, lebensbedrohlich werden. Der
Kapitalismus des 21. Jahrhunderts jedoch bemisst Effizienz immer noch
mit Kennziffern, die Zerstörung systematisch doppelt registrieren. Die
Inwertsetzung öffentlichen Wassers beispielsweise erhöht das Wachstum
von Privatunternehmen und erhöht den Arbeitszwang für Konsumenten, die
mehr Lebenszeit aufwenden müssen, um das gleiche Gut zu erhalten. Mit
Ökonomie hat das wenig zu tun. Schon eher mit Herrschaft und abstrakter
Mathematik.
Welchen Kriterien müsste alternatives Haushalten dann folgen?
Mit jenen Mitteln, die tatsächlich knapp sind - also vor allem der
Natur -, muss sparsam umgegangen werden. Dafür braucht es
Effizienzermittlung und Innovation. Der Realsozialismus hatte darauf
kaum Antworten parat, weil er zentral voraus zu denken versuchte und
jede autonome Korrektur im System die Legitimität der politischen
Führungsgruppe in Frage stellte. Für knappe Güter (im Übrigen gibt es
auch Güter, die nicht knapp sind, so etwa die intellektuelle
Produktion) geht es also weiter um die Suche nach einer optimalen
Allokation. Diese muss - wie es auch im Kapitalismus gang und gebe ist
- sowohl durch Vorausplanung als auch durch ex post ermittelte
Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmt werden. Kapitalvermehrung ist jedoch
kein guter Maßstab für Ressourceneinsatz. Genauso wenig wie Verdrängung
und Existenzangst ein gesamtwirtschaftlich nützliches Verhalten von
Individuen hervorbringen.
Völlig klar: Das Kapital ist nicht nur scheinbarer Sachzwang,
sondern vor allem ein soziales Verhältnis. Wenn sich Kapital nicht mehr
vermehrt, können Kapitalbesitzer nicht mehr von Rendite leben. Eine
Mehrheitsentscheidung für eine andere Ökonomie würde das Zwangssystem
Kapitalismus deshalb nicht einfach beseitigen. Eine besitzende Mehrheit
wird ihre Vorteile zu verteidigen wissen.
In Anbetracht realer Kräfteverhältnisse wird der sich
abzeichnende Epochenbruch deshalb kaum zum Post-Kapitalismus, sondern
nur zu neuen Akkumulationsregimen führen. Trotzdem ist es sinnvoll, die
Frage nach Alternativen zu stellen. Dass der Wohlfahrtsstaat
fundamentale Verbesserungen mit sich brachte, hatte nicht zuletzt damit
zu tun, dass es im 20. Jahrhundert Alternativen zu geben schien. Das
Fließband geht eben nicht zwangsläufig mit Arbeitsschutz einher. Es
kann auch im 14-Stundentakt laufen. Wenn heute also neue Modelle der
Regulation ausgefochten werden, müssen Linke prinzipiell andere
Maßstäbe ins Gespräch bringen: Diejenigen, die kein Millionenvermögen
besitzen, haben kein prinzipielles Interesse daran, dass die Produktion
wächst oder Deutschland Exportweltmeister ist. Für uns ist viel
wichtiger, dass ökonomische Entwicklung in Kennziffern der
Lebensqualität ausgedrückt wird - Zugang zu Bildung und Gesundheit,
eine unbelastete Umwelt etc. Für uns ist von Bedeutung, dass politische
Regulation (durch Steuern, Gesetze, direkte Eingriffe und so weiter)
jenes Wirtschaften belohnt, das Kooperation und die Einsparung von
knappen Ressourcen fördert. Das solche Unternehmen unterstützt, in
denen solidarische und demokratische Arbeitsbeziehungen entwickelt
werden.
Sprechen wir also über den ureigensten Sinn von Ökonomie: über
das Verhältnis von Einsatz und gesellschaftlichem Nutzen. Sprechen wir
über Kriterien, die vom Zwang zur Akkumulation verdeckt werden.
Raul Zelik ist Schriftsteller und lehrt zur Zeit als Gastprofessor Politikwissenschaften an der Nationaluniversität in Bogota.
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