28.11.2009
Gegen die Romantisierung des Hipp-Seins Quelle: Neues Deutschland, 27.11.2009, Interview: Haidy Damm
Die Kreativwirtschaft ist in den Metropolen zum Standortfaktor geworden. Kreative UnternehmerInnen sind Teil der Vollendung der neoliberalen Strategie", so Angela McRobbie, Professorin an der Goldsmith University London
Für Kreative bedeutet der Boom dieses Wirtschaftskreises viele Jobmöglichkeiten, aber auch enorme Konkurrenz um Aufträge. Selbstausbeutung statt Selbstbestimmung ist meist die Realität.
"Kreative UnternehmerInnen sind Teil der Vollendung der neoliberalen Strategie", sagt Angela McRobbie, Professorin an der Goldsmith University in London. Die Kulturwissenschaftlerin untersucht seit mehreren Jahren die Lebens- und Arbeitsbedingungen des sogenannten neuen Prekariats. Haidy Damm hat sie in Berlin getroffen.
ND: Arbeiten in der Kreativindustrie war schon früher verbunden mit Existenzangst, das Bild des »armen Künstlers« ist ein seit Jahrhunderten bekanntes. Was ist neu, wenn heute vom kreativen Prekariat die Rede ist?
McRobbie: Was wir seit den 1990er Jahren beobachten, ist eine Transformation der Arbeitswelt. Eine Gesellschaft von Angestellten oder ArbeiterInnen wird zur Gesellschaft von Selbstständigen und Klein-UnternehmerInnen. Die Antwort des Staates auf die Probleme am Arbeitsmarkt ist: Sei Unternehmer – arbeite wie ein Künstler! Regierungen unterstützen diese Entwicklung durch entsprechende Programme.
Gleichzeitig wird das Kapital von seiner Aufgabe entbunden, seine Angestellten sozial abzusichern. Selbstständige sind beispielsweise selber verantwortlich für Krankheit, Mutterschutz oder wenn sie arbeitslos sind.
Was heißt das für die Kreativwirtschaft?
Die Kreativwirtschaft ist Teil dieser neoliberalen Strategie. Durch sie wird die Idee vermittelt, es sei sehr viel attraktiver, als Selbstständige frei zu arbeiten denn als abhängig Beschäftigte, also in Projekten zu arbeiten und nicht in einem stabilen Job. Sicher stimmt das zum Teil auch. In der Realität jedoch können Kreative oft von ihrer freien Arbeit nicht leben. Sie machen andere Jobs, unterrichten oder arbeiten im Call-Center, um sich ihre kreative Arbeit leisten zu können.
Ein Beispiel: Ein Filmemacher finanziert sich seine freie Arbeit, indem er zwei- bis dreimal pro Woche sozial benachteiligte Jugendliche unterrichtet. Diesen Job macht er ebenfalls als Selbstständiger – es ist eines seiner Projekte –, nur dass er zu wesentlich schlechteren Bedingungen arbeitet als ein abhängig Beschäftigter. So ist er zum Beispiel im Krankheitsfall nicht abgesichert. Aber er denkt noch immer, es sei viel attraktiver, ein Filmemacher zu sein. Das Hipp-Sein wird romantisiert.
Gibt es innerhalb der Kreativszene Widerstand gegen diese Entwicklung zum Selbstständigen-Unternehmer-Dasein?
Nun, in meinen Interviews ist es nicht so, dass sich Kreative in erster Linie als UnternehmerInnen sehen, die meisten lehnen das sogar ab. Gleichzeitig ist allein in ihrem Auftreten schon zu erkennen, wie sie ihr Unternehmerdasein schon verinnerlicht haben. Sie bringen ihre Kataloge mit, sie präsentieren sich und sehen das Interview als Teil ihrer Netzwerkarbeit, die ihnen neue Aufträge vermitteln könnte.
Sie schreiben auch über die Rolle des Staates in dieser veränderten Arbeitswelt, in der Zeiten von Arbeitslosigkeit im Lebenslauf die Normalität widerspiegelt. Welcher Rahmen sollte der Staat schaffen, um dieser neuen Realität gerecht zu werden?
Meiner Meinung nach brauchen wir eine Restrukturierung des Sozialwesens. Aber Wohlfahrt allein hilft nicht weiter. Für mich ist eine Kultur der Arbeitslosigkeit nicht akzeptabel. Nicht weil ich glaube, Menschen brauchen einen Anreiz zum Arbeiten, aber eine Kultur, die über das Sozialwesen Menschen dauerhaft ausschließt, macht sie gleichzeitig ohnmächtig. Wir brauchen daher eine neue Debatte über die Absicherung von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen.
Also keine Rückkehr zu alten Modellen?
Nein, ich denke, dass sich heute keine politische Partei mehr ernsthaft für eine Rückkehr zum Normalarbeitsverhältnis im Sinne des alten Alleinverdienermodells der vergangenen Jahrzehnte stark machen kann, wenn sie Erfolg haben will. Denn junge Frauen haben – auch durch die Selbstständigkeit – gemerkt, dass sie durch ihre Arbeit selbst etwas schaffen und unabhängig sind.
Kreativ sein bedeutet heute aber auch Individualisierung: ›Wenn du es nicht schaffst, musst du es eben stärker versuchen‹. Gibt es Ansätze von Organisierung innerhalb der Kreativszene? Welche Möglichkeiten sehen Sie dort?
Nun, was es gibt, sind webbasierte Netzwerke von Freelancern, beispielsweise der Freien, die in Großbritannien für das Fernsehen arbeiten. Aber die MitarbeiterInnen der Fernsehstationen waren hier immer schon gewerkschaftlich organisiert, das ist an dieser Stelle also nicht überraschend.
Insgesamt fällt meine Antwort aber eher pessimistisch aus. Denn die Arbeit findet an so vielen verschiedenen Stellen statt. Welche Art von Organisierung kannst du entwickeln, wenn du drei oder vier verschiedene Jobs hast, die alle getrennt voneinander sind? Außerdem wechseln sich feste Arbeit und freie Projektarbeit oftmals ab. Die bisherigen Formen der Organisierung greifen also nicht. Es entwickeln sich zwar neue Formen, beispielsweise in Form von sozialen Netzwerken, in den sich Leute gegenseitig helfen und sich Jobs vermitteln. Im Großen und Ganzen ist die Umgebung aber so, dass die Leute individualisiert sind und sich mit ihrem Stress alleine rumschlagen.
Was ist mit den traditionellen Gewerkschaften? Sind sie überfordert mit dieser neuen Arbeitswelt?
In Großbritannien hat die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder dramatisch abgenommen. Die Veränderungen haben die Gewerkschaften aber lange Zeit nicht interessiert oder sie haben sie als neoliberale Entwicklung abgetan. Das hat dazu geführt, dass die Idee der gewerkschaftlichen Organisierung stark abnahm, auch in Bereichen, in denen Gewerkschaften früher stark vertreten waren, wie etwa im Handel. Dennoch gibt es noch immer viele Menschen, die in Gewerkschaften organisiert sind.
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