28.06.2010Die Josephstraße 7 in Lindenau: Vergangenheit, die sich nicht versteigern lässtRedaktion, 28.6.2010 (Quellen: Initiativkreis Josephstraße 7 und Leipziger Internetzeitung) Während die Stadt Leipzig das Grundstück Josephstraße 7 verkaufen will, um die angefallenen Kosten für Abriss und Steuern zu erlösen, engagiert sich der Initiativkreis Josephstraße 7 für die Errichtung eines lebendigen Gedenkortes
Im Jahre 2006 erfolgte, nach Zustimmung des Rechtsvertreters der Familie Reiter, der Abriss des inzwischen baulich ruinösen Hauses durch die Stadt Leipzig. Abrisskosten und steuerliche Forderungen belaufen sich auf etwa 40.000 Euro, die die Stadt über eine zwangsweise Versteigerung des Grundstückes erlösen will. „Entsprechend der Vorschriften des sächsischen Verwaltungskostengesetzes sowie des sächsischen Verwaltungsvorsteckungsgesetzes waren die angefallenen Kosten dem Eigentümer in Rechnung zu stellen“, heißt es in der Antwort der Stadtverwaltung auf eine Einwohneranfrage zur Ratsversammlung am 21. April 2010. Das Schreiben von Amalia Schinagel, der Tochter des deportierten Isidor Reiter, machte Interessierte auf die Geschichte der Josephstraße 7 aufmerksam und war schließlich ausschlaggebend für die Idee, auf diesem Grundstück einen Gedenkort zu errichten. Der inzwischen konstituierte Initiativkreis Josephstraße 7 setzt sich für einen lebendigen Gedenkort für die Jüdinnen und Juden des Leipziger Westens und deren Verfolgung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus ein und hat inzwischen konzeptionelle Ideen fixiert:
„Der
Gedenkort soll sich in der Josephstraße 7 befinden und folgende
Ziele und Funktionen erfüllen:
Nach unseren Vorstellungen soll der geplante Gedenkort einem Konzept des offenen und lebendigen Gedenkens folgen. Das Gelände Josephstraße 7 kann sowohl von der Josephstraße, als auch vom angrenzenden ‚Buchkindergarten‘ betreten werden. An der Stirnseite des Grundstückes, zur Josephstraße hin, ist eine Tafel mit Informationen über den Gedenkort und das frühere Wohnhaus geplant. Auf dem Grundstück selber soll eine erhöhte Rasenfläche gestaltet werden, die den Grundriss der ehemaligen Wohn- und Arbeitsflächen der Familien Reiter und Lotrowsky abbildet. Auf dieser Rasenfläche soll es für die Anwohner_innen und Besucher_innen möglich sein, sich niederzulassen und ins Gespräch zu kommen. Außerdem ist auch eine Nutzung durch die Kinder des angrenzenden Kindergartens gewünscht. Im hinteren Teil des Grundstücks – im ehemaligen Hof – sind weitere Tafeln geplant, die sowohl über die Geschichte des Hauses als auch über die jüdische Geschichte Leipzigs informieren. Die Lokal- und Stadtgeschichte in Leipzig Lindenau wird dabei in den größeren Kontext der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus verortet. Gleichzeitig soll es möglich sein, durch die räumliche Nähe die schrittweise Marginalisierung und Entrechtung der Juden und Jüdinnen, die in Deportation und systematischer Vernichtung gipfelte anschaulich zu vermitteln. Darauf aufbauen sind begleitete Rundgänge (z.B. für Schulklassen) und Workshops zur Geschichte des Hauses geplant. Sowohl die Betreuung und Pflege des Grundstückes, als auch die Recherchearbeiten werden durch den Initiativkreis – bestehend aus engagierten Leipziger Bürger_innen – in Eigenverantwortung übernommen. Dazu ist geplant, einen gemeinnützigen Verein zu gründen. Die Umgestaltung des Ortes soll sowohl in der Konzeption als auch deren konkreter Umsetzung im Kontext der weiterführenden Pläne bezüglich des Viertels unter direkter Beteiligung der Anwohner_innen der Josephstraße stattfinden. Dabei gründet die Errichtung eines solchen Gedenkortes maßgeblich auf dem ehrenamtlichen Engagement und soll dieses darüber hinaus bestärken. Um dem Erinnerungsort Josephstraße 7 eine langfristige Perspektive zu geben, arbeitet der Initiativkreis auf ein Nutzungsrecht auf unbestimmte Zeit hin. Der damit betraute Verein verpflichtet sich im Gegenzug das Grundstück gemäß seiner Satzung als Gedenkort zu nutzen. Demgegenüber verzichtet die Stadt auf die Erstattung der Abrisskosten, mit denen das Grundstück belastet ist, und erklärt sich bereit, regelmäßige Ausgaben wie Grundsteuer und Müllentsorgung zu tragen. Geplant ist es, mit den momentanen rechtmäßigen Besitzern des Grundstücks, Gideon Reiter und Amos Reiter, den Neffen von Amalia Schinagel in Kontakt zu treten. Diese könnten das Grundstück an die Stadt Leipzig unter den Bedingungen übergeben, dass sie von allen finanziellen Ansprüchen ihnen gegenüber befreit werden und dass das Grundstück im oben beschriebenen Sinne als Gedenkort genutzt wird.“ Niko Holzrippe, der zum Initiativkreis gehört, formuliert das Anliegen gegenüber der Leipziger Internetzeitung wie folgt: „Wir wünschen uns, dass die Stadt sich für ihr Vorgehen in der Sache Josephstraße 7 entschuldigt, die Schulden aus dem Grundbuch tilgt, das Grundstück den Erben zu einem versöhnlichen Preis abkauft und dem Grundstück dauerhaft den Zweck eines Gedenkortes zuweist“.
Der
erste und dringlichste Schritt hin zu diesem Ziel besteht in der
Aussetzung der geplanten Zwangsversteigerung des Grundstücks. Eine
Postion der Stadt ist bis dato nicht bekannt.
Am
21. Juli vor der Josephstraße 7 veranstaltet der Initiativkreis eine
Kundgebung mit anschließendem Konzert des „Fox Rosen Quintet“.
Der Tag soll genutzt werden um die Geschichte des Hauses und den
Gedenk-Ort-Plan bekannt zu machen. Gemeinsam mit interessierten
Menschen und Anwohnerinnen und Anwohnern wird gefragt und diskutiert
werden: Wie kann solch ein Gedenkort aussehen? Wie kann er als
Begegnungsort und Geschichtswerkstatt genutzt werden? |
| Weiterführende Media-Dateien: |
| Gedenkort oder Stadthaus: Die Josephstr. 7 in Leipzig (Radio Corax, 24.6.2010) |