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28.06.2010

Die Josephstraße 7 in Lindenau: Vergangenheit, die sich nicht versteigern lässt


Redaktion, 28.6.2010 (Quellen: Initiativkreis Josephstraße 7 und Leipziger Internetzeitung)

Während die Stadt Leipzig das Grundstück Josephstraße 7 verkaufen will, um die angefallenen Kosten für Abriss und Steuern zu erlösen, engagiert sich der Initiativkreis Josephstraße 7 für die Errichtung eines lebendigen Gedenkortes


Quelle: LIZ/ Gernot Borriss
Quelle: LIZ/ Gernot Borriss

In der Josephstraße 7 lebten und arbeiteten die Familien Reiter und Lotrowsky. Isidor Reiter betrieb eine Rosshaarsortieranstalt. Am 28. Oktober 1938 wurden er und seine Familie zusammen mit mehreren Tausend anderen Leipziger Juden und Jüdinnen nach Polen deportiert. Isidor Reiter wurde dort später von Nazis umgebracht. Ida Jetty Lotrowsky wurde am 21. Januar 1942 nach Riga deportiert und ist dort verschollen. Die Tochter von Isidor Reiter – Amalia Schinagel – konnte nach New York emigrieren, wo sie bis Ende der 1990er Jahre lebte. Als rechtmäßige Erbin hat sie das Grundstück Josephstraße 7 mit dem mittlerweile unbewohnbaren Haus 1991 zurück erhalten. Sie selbst hatte kein Interesse nach Deutschland zurück zu kehren. Niemand wollte das Haus in der Josephstraße 7 kaufen, das daraufhin nach und nach verfallen ist. 1998 verlangte die Stadt Leipzig Steuern von ihr. Amalia Schinagel antwortete wütend und traurig darauf, dass sie nicht einsehe, warum sie Geld für ein Haus bezahlen solle, das ihr erst gestohlen und dann in einem unbrauchbarem Zustand zurück gegeben wurde. In ihrem Brief an das Leipziger Stadtsteueramt vom 10. September 1998 schrieb sie: „Wenn die Deutschen in 1991 uns das Haus zurueck gaben, wurde uns nicht gesagt, dass die Komunisten und Nazies das Haus vollkommen zerbrochen haben und wir Erben es nicht verkaufen koennen und jetzt verlangen Sie Steuern von mir und meine beiden Neffen ???? Wo ist die Gerechtigkeit ??? Bitte nehmen Sie das Haus zuruck und geben Sie uns bitte was Sie wollen. Ich bin eine alte Frau und habe so viel mitmachen muessen !!!!“

Im Jahre 2006 erfolgte, nach Zustimmung des Rechtsvertreters der Familie Reiter, der Abriss des inzwischen baulich ruinösen Hauses durch die Stadt Leipzig. Abrisskosten und steuerliche Forderungen belaufen sich auf etwa 40.000 Euro, die die Stadt über eine zwangsweise Versteigerung des Grundstückes erlösen will. „Entsprechend der Vorschriften des sächsischen Verwaltungskostengesetzes sowie des sächsischen Verwaltungsvorsteckungsgesetzes waren die angefallenen Kosten dem Eigentümer in Rechnung zu stellen“, heißt es in der Antwort der Stadtverwaltung auf eine Einwohneranfrage zur Ratsversammlung am 21. April 2010.

Das Schreiben von Amalia Schinagel, der Tochter des deportierten Isidor Reiter, machte Interessierte auf die Geschichte der Josephstraße 7 aufmerksam und war schließlich ausschlaggebend für die Idee, auf diesem Grundstück einen Gedenkort zu errichten.

Der inzwischen konstituierte Initiativkreis Josephstraße 7 setzt sich für einen lebendigen Gedenkort für die Jüdinnen und Juden des Leipziger Westens und deren Verfolgung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus ein und hat inzwischen konzeptionelle Ideen fixiert:

„Der Gedenkort soll sich in der Josephstraße 7 befinden und folgende Ziele und Funktionen erfüllen:

  1. Dokumentation
    - der jüdischen Bewohner_innen des Hauses in der Josephstraße 7 und des jüdischen Lebens im Leipziger Westen vor dem Nationalsozialismus
    - der Verfolgung der Juden und Jüdinnen während des NS in Leipzig, insbesondere im Leipziger Westen.
    - der Geschichte der jüdischen Gemeinde und der früheren jüdischen Eigentümer_innen nach 1945.
    - der Geschichte des Hauses in der Josephstraße 7 und des generellen Umgangs mit jüdischem Eigentum nach 1945.

  2. Bildung und Wissensvermittlung
    - Errichtung einer Bildungs- und Begegnungsortes und einer Geschichtswerkstatt für interessierte Gruppen, beispielsweise für Leipziger Schülerinnen und Schüler (z.B. der Nachbarschaftsschule, Helmholtzschule oder Robert-Schumann-Schule).

  3. Begegnung und Austausch der Anwohner und Anwohnerinnen des Viertels

Nach unseren Vorstellungen soll der geplante Gedenkort einem Konzept des offenen und lebendigen Gedenkens folgen. Das Gelände Josephstraße 7 kann sowohl von der Josephstraße, als auch vom angrenzenden ‚Buchkindergarten‘ betreten werden. An der Stirnseite des Grundstückes, zur Josephstraße hin, ist eine Tafel mit Informationen über den Gedenkort und das frühere Wohnhaus geplant. Auf dem Grundstück selber soll eine erhöhte Rasenfläche gestaltet werden, die den Grundriss der ehemaligen Wohn- und Arbeitsflächen der Familien Reiter und Lotrowsky abbildet. Auf dieser Rasenfläche soll es für die Anwohner_innen und Besucher_innen möglich sein, sich niederzulassen und ins Gespräch zu kommen. Außerdem ist auch eine Nutzung durch die Kinder des angrenzenden Kindergartens gewünscht. Im hinteren Teil des Grundstücks – im ehemaligen Hof – sind weitere Tafeln geplant, die sowohl über die Geschichte des Hauses als auch über die jüdische Geschichte Leipzigs informieren. Die Lokal- und Stadtgeschichte in Leipzig Lindenau wird dabei in den größeren Kontext der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus verortet. Gleichzeitig soll es möglich sein, durch die räumliche Nähe die schrittweise Marginalisierung und Entrechtung der Juden und Jüdinnen, die in Deportation und systematischer Vernichtung gipfelte anschaulich zu vermitteln. Darauf aufbauen sind begleitete Rundgänge (z.B. für Schulklassen) und Workshops zur Geschichte des Hauses geplant.

Sowohl die Betreuung und Pflege des Grundstückes, als auch die Recherchearbeiten werden durch den Initiativkreis – bestehend aus engagierten Leipziger Bürger_innen – in Eigenverantwortung übernommen. Dazu ist geplant, einen gemeinnützigen Verein zu gründen. Die Umgestaltung des Ortes soll sowohl in der Konzeption als auch deren konkreter Umsetzung im Kontext der weiterführenden Pläne bezüglich des Viertels unter direkter Beteiligung der Anwohner_innen der Josephstraße stattfinden. Dabei gründet die Errichtung eines solchen Gedenkortes maßgeblich auf dem ehrenamtlichen Engagement und soll dieses darüber hinaus bestärken.

Um dem Erinnerungsort Josephstraße 7 eine langfristige Perspektive zu geben, arbeitet der Initiativkreis auf ein Nutzungsrecht auf unbestimmte Zeit hin. Der damit betraute Verein verpflichtet sich im Gegenzug das Grundstück gemäß seiner Satzung als Gedenkort zu nutzen. Demgegenüber verzichtet die Stadt auf die Erstattung der Abrisskosten, mit denen das Grundstück belastet ist, und erklärt sich bereit, regelmäßige Ausgaben wie Grundsteuer und Müllentsorgung zu tragen. Geplant ist es, mit den momentanen rechtmäßigen Besitzern des Grundstücks, Gideon Reiter und Amos Reiter, den Neffen von Amalia Schinagel in Kontakt zu treten. Diese könnten das Grundstück an die Stadt Leipzig unter den Bedingungen übergeben, dass sie von allen finanziellen Ansprüchen ihnen gegenüber befreit werden und dass das Grundstück im oben beschriebenen Sinne als Gedenkort genutzt wird.“

Niko Holzrippe, der zum Initiativkreis gehört, formuliert das Anliegen gegenüber der Leipziger Internetzeitung wie folgt: „Wir wünschen uns, dass die Stadt sich für ihr Vorgehen in der Sache Josephstraße 7 entschuldigt, die Schulden aus dem Grundbuch tilgt, das Grundstück den Erben zu einem versöhnlichen Preis abkauft und dem Grundstück dauerhaft den Zweck eines Gedenkortes zuweist“.

Der erste und dringlichste Schritt hin zu diesem Ziel besteht in der Aussetzung der geplanten Zwangsversteigerung des Grundstücks. Eine Postion der Stadt ist bis dato nicht bekannt.
In der vom Initiativkreis Einwohneranfrage zur Ratsversammlung am 21. April 2010 ist zumindest eine kleine Perspektive zu erkennen. „Es wird geprüft werden, das Thema des Gedenkens an die Geschichte der Josephstraße 7 im Zuge des weiteren Verfahrens „Blockentwicklung von unten – Entwicklung Josephstraße/Bildhauerviertel“ aufzugreifen“, heißt es dort.

Am 21. Juli vor der Josephstraße 7 veranstaltet der Initiativkreis eine Kundgebung mit anschließendem Konzert des „Fox Rosen Quintet“. Der Tag soll genutzt werden um die Geschichte des Hauses und den Gedenk-Ort-Plan bekannt zu machen. Gemeinsam mit interessierten Menschen und Anwohnerinnen und Anwohnern wird gefragt und diskutiert werden: Wie kann solch ein Gedenkort aussehen? Wie kann er als Begegnungsort und Geschichtswerkstatt genutzt werden?

Das /Fox-Rosen Quintet/, eine Kooperation Wiener und New Yorker Musiker_innen, spielt Klezmer und jiddische Lieder. Das Projekt steht vor allem in einem erinnerungspolitischen Kontext, da der Großvater zweier Musiker des Quintetts, Dave Fox, 1920 in Wien geboren wurde und 1938 vor den Nazis flüchten musste.




Weiterführende Media-Dateien:
Gedenkort oder Stadthaus: Die Josephstr. 7 in Leipzig (Radio Corax, 24.6.2010)





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